Erinnerungsarbeit: Trauer um Paul Niedermann

Zeitzeuge starb im Alter von 91 Jahren

Seit vielen Jahren engagiert sich die Kirchliche Jugendarbeit in der Erzdiözese Freiburg für die Gedenkarbeit. Neben den Jugendlichen, die Steine für das Mahnmal in Neckarzimmern gestalten, sind die Zeitzeugen, die mit den Jugendlichen ihre Erlebnisse und Erfahrungen teilen, die wichtigsten Träger der Gedenkarbeit. Einer von ihnen ist am 7. Dezember 2018 gestorben: Paul Niedermann. Eva Söffge und Rainer Moser-Fendel erinnern an ihn.

Paul Niedermann – ein Mann des Versöhnens, ein Brückenbauer!

Der Jude Paul Niedermann wurde am 1. November 1927 in Karlsruhe geboren, in eine Zeit hinein, in der das ‚Leben für die jüdischen Bürgerinnen und Bürger unseres Landes immer schwieriger wurde, über Diskriminierung, Verhöhnung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung in den Gaskammern der Konzentrationslager.

Auch Pauls Familie war betroffen. Sie wurde, wie alle badischen Jüdinnen und Juden, am 22. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in den französischen Pyrenäen deportiert. Die Eltern starben später in den Gaskammern der Konzentrationslager im Osten. Paul und sein Bruder überlebten, weil sie mit Hilfe des jüdischen Kinderhilfswerks OSE aus dem Lager befreit werden konnten. Nach einer längeren Odysse durch den Süden Frankreichs gelangte Paul, nachdem er auch eine Zeit lang in Izieu versteckt war, in die Schweiz. Geprägt von all diesen Erfahrungen kehrte er nach dem Krieg zurück nach Frankreich, wo er sich zunächst für die OSE als pädagogische Kraft um jüdische Waisenkinder kümmerte.

Auch wenn Paul Niedermann, wie viele Überlebende des Holocaust, so gut wie nicht über seine Erlebnisse sprach und sie damit verarbeiten konnte, nahm er doch sein Leben in die Hand und gestaltete es. Sein optimistische Einstellung half ihm dabei, so dass er später sagen konnte:“Ich hatte ein gutes Leben, ich bin zufrieden damit, auch wenn die ersten Jahre miserabel und schrecklich waren.“

Ein Wendepunkt in seinem Leben war der Prozess gegen den Nazischergen Klaus Barbie in Lyon in den 80gerJahren. Seine Aussagen dort, vom Richter, wie Paul sagte, förmlich aus ihm herausgequetscht, führten dazu, dass er die Angst vor der Erinnerung verlor und danach über das Erlebte sprechen konnte. Die Alpträume, die ihn vorher geplagt hatten, wurden weniger.

Mit der Einladung der Stadt Karlsruhe an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger im Jahr 1988 und der an ihn gerichteten Bitte, ob er denn nicht auch Schülerinnen und Schülern von seinen Erlebnissen und Erfahrungen berichten könnte, der er zustimmte, begann ein weiterer neuer Lebensabschnitt. Mit großer Leidenschaft wurde er nun zu einem Brückenbauer und Versöhner. Darin sah er seine Aufgabe. 20 Jahre lang kam er, auch auf Einladung des Projekts „Erinnern und Begegnen“, später Fachstelle für Christlich jüdische Gedenkarbeit der Abteilung Jugendpastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt, zu Veranstaltungen und Zeitzeugengesprächen, vor allem in Schulen. Das letzte Mal war Paul im Jahr 2016 zu Vorträgen in Baden.

Großen Eindruck hinterließ er bei den jungen Menschen, wenn er zu ihnen sprach. Trotz all dem Schrecklichen, was er zu berichten hatte, gab er den Jugendlichen eine positive Botschaft mit. Er war nicht verbittert. Er setzte auf die Jugend, der er nie Vorwürfe machte. „Euch trifft keine Schuld für das, was damals passierte. Jedoch für das, was heute passiert, dafür tragt Ihr Verantwortung. Damals, in der Zeit des Nationalsozialismus konnten wir nicht wählen. Ihr aber lebt hier heute in einer Demokratie, Ihr habt das Wahlrecht, nutzt es für eine gerechte und friedliche Gesellschaft.“ Das waren Pauls eindrückliche Worte.

Seine Zuhörer, ob jung oder alt, waren von ihm beeindruckt, von seiner Leidenschaft und seinem Engagement für ein versöhntes Miteinander. Er, der in der deutschen, der französischen und jüdischen Kultur verwurzelt war, er, der sagen konnte: „Ich habe wieder Freunde in Deutschland“, er war ein Brückenbauer! Und viele hier in Deutschland sind dankbar, denn auch sie haben in ihm einen Freund gefunden.

Die Zeitzeugen gehen. Die gesellschaftliche Situation, gerade auch für Juden in unserem Land, verschärft sich wieder. Dass das nicht passiert, dafür hat sich Paul Niedermann mit seiner ganzen Kraft engagiert. Das ist sein Vermächtnis an uns.

Paul Niedermann wird uns fehlen. Als Mensch, mit dem wir gearbeitet haben, und als Freund. Mit ihm ist ein weiterer der noch wenigen lebenden Zeitzeugen von uns gegangen. Sein Wirken ist uns Auftrag, seine Mahnung „auf Hass lässt sich nicht bauen“ Verpflichtung.

Wir werden ihn nicht vergessen. Danke Paul!

Rainer Moser-Fendel, Eva Söffge, Fachstelle Christlich-Jüdische Gedenkarbeit

Quelle: www.kja-freiburg.de

Quelle: KJA Freiburg/Christlich-Jüdische Gedenkarbeit

 

 

 

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